Gedanken zum Monat Juli 2012

Wie ist Deine Sicht? - Die Sicht des Anderen!

„Ihr wollt eure Noten wissen? Mich würde interessieren, was IHR für welche wollt. Beurteilt euch doch einmal selbst und anschließend gegenseitig!“

Diese Aufforderung eines Professors versetzte mich und ca. 10 andere Studenten ganz schön in Panik. Es war zum Abschluss eines praktisch ausgerichteten ganzjährigen Seminars an der Uni. Hätte mein Sitznachbar gewusst, was „der Prof“ gleich von uns verlangen würde, hätte er sich die Frage nach den Abschlussnoten sicherlich verkniffen. Dabei war lange bekannt, dass unser Lehrer diese pädagogisch (mehr oder weniger) wertvollen Spielchen liebte. - Was tun?

Erstens ist es unangenehm, seine eigene Leistung vor anderen einzuschätzen. Natürlich will man eine gute Note. Keiner hat es aber damals gewagt zu sagen: „Herr Professor, ich hätte gerne eine Eins und weiß, ich hätte sie verdient“ (obwohl später auch noch Einser verteilt wurden).

Zweitens muss man in der Beurteilung anderer sehr vorsichtig sein. Ich, als einer der ersten, die an der Reihe waren, habe mir natürlich genau überlegt, was ich über die anderen sage. Ich wusste, der Ball kommt ganz bestimmt zurück geflogen, wenn die anderen dran sind, mich zu beurteilen! Die Frage war auch: Wenn der Lehrer sieht, wie streng ich mit den anderen bin, wird er die Messlatte dann nachträglich auch bei mir noch höher anlegen? Ich denke, alle hatten nur eine Frage im Kopf: Wäre es nicht einfach am besten gewesen, wenn „der Prof“ uns selbst beurteilt hätte, wie es sich gehört?

Mk 4,24: "Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen."

Wenn wir gelingende Gemeinschaft wollen, ist es tatsächlich am besten, wenn Gott derjenige ist, der das Maß ansetzt und das Urteil gibt. Es ist natürlich nicht falsch, Mängel oder Fehlverhalten anzusprechen. Es ist sogar wichtig. Doch wenn unsere Grundeinstellung gegenüber anderen von Strenge und übertriebener Korrektheit geprägt ist, sollten wir uns vorsehen. Wenn wir bei ermahnenden Worten aus der Bibel oder in der Predigt mit unseren Ohren lieber für andere hören als für uns („Na, das sollte sich meine liebe Gemeinde aber mal zu Herzen nehmen), müssen wir vorsichtig sein.

Denn erstens sorgen gegenteilige Beurteilungen meistens für Spannung und zweitens stellt sich die Frage, ob auch Gott nicht sein Maß uns gegenüber nochmal überdenkt. Wenn wir andere voran bringen wollen, müssen wir zwangsläufig auch Mängel aufzeigen. Doch die richtige Motivation dafür ist nicht ein Maß oder ein Ideal, sondern wirkliche aufrichtige Zuneigung. Ich für meinen Teil wusste in dem Moment im Seminarraum: Nur wenn ich selbst jetzt jegliche Vorbehalte und Missstimmung gegenüber meinen Kameraden ablege, komme ich selbst vielleicht auch einigermaßen glimpflich davon. Ich musste niemanden Honig um den Mund schmieren, es war nur nötig, jeden mit einer positiven, wohlwollenden Haltung zu bewerten. Die eigenen Fehler haben die meisten Leute ohnehin schon längst erkannt. Was gesucht wird, ist konstruktive Hilfe und Wohlwollen, aber kein Fingerzeig.

Jonas Vetter, pastoraler Mitarbeiter

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