Gedanken im Oktober 2014

Wer ist mein Nächster?

Ein Mann liegt am Boden. Kümmere ich mich um ihn oder gehe ich schnell weiter? Wahrscheinlich ist er eh betrunken, denke ich, außerdem bin ich weder Arzt noch Polizist. Zeit habe ich sowieso nicht. Am Ende muss ich noch warten, bis der Krankenwagen kommt. Und wer weiß, morgen liegt er vielleicht schon wieder da. Wenn man jedem Betrunkenen helfen würde…

Das Herz hat klar gesprochen: Hilf. Der Verstand braucht ein wenig, bis er Gründe genug hat, die plausibel machen: Hilf nicht. Die Entscheidung fällt: Nein, ich werde nicht helfen. Und das Herz sagt: Falsch entschieden. Denn es besteht ja kein Zweifel, dass Gott uns die Liebe zu unserem Nächsten geboten hat.

Denn Gottes Liebe zu uns ist ein so großes Geschenk, dass wir Gott gern lieben, und natürlich alle Menschen, denen wir begegnen. In der Theorie. Und wir sind uns sicher, das wäre auch gut und sinnvoll. In der Theorie.

Warum tun wir es dann nicht?

Weil wir Meister darin sind, den schlichten Auftrag Gottes mit Ausreden zu vernebeln. Wer ist denn mein Nächster, diese alte Frage aller Schriftgelehrten, die es bei Gott bequem haben wollen, ohne zu tun, was er will, stellen wir gern. Jesus hatte mit so einem Schriftgelehrten zu tun und erzählte ihm die Geschichte vom Barmherzigen Samariter.

Lassen wir es uns sagen: Niemand und nichts ist wichtiger als der Mensch, der jetzt meine Hilfe braucht. Ob es meine kleine Tochter ist, die alte Frau in der Nachbarschaft oder der Betrunkene am Bahnhof.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mose 19,18), sagt uns die Bibel.

Sagt uns Gott.

Christoph Müller