Gedanken zur Jahreslosung 2015

Unsere Gesellschaft, die Werbung, die Erziehung versuchen uns zu individuellen Wesen zu erziehen. Sei selbständig, sei individuell! Heule nicht mit den Wölfen!

Angesichts unserer deutschen Geschichte wissen wir, wie furchtbar es sein kann, wenn das eigenständige Denken aberzogen wird. Wenn Befehle einfach ausgeführt werden. Deshalb ist es gut und richtig, dass wir zu Individuen erzogen wurden und gelernt haben, eine eigene Meinung zu vertreten.

 

Doch in aller Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit dürfen wir nicht vergessen, dass wir Menschen Beziehungswesen sind. Wir brauchen einander, wir sind auf Beziehung angelegt. In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, beim Einkauf, im Straßenverkehr werden wir mit anderen Menschen konfrontiert, die wie wir, selbständig und selbstbestimmt leben möchten.

Da stellt sich tagtäglich die Frage, wer gibt nach? Wer lässt dem anderen den Vortritt? Wer verzichtet in diesem Moment auf seine Selbstbestimmtheit? Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass das nicht immer leicht ist. Mancher Streit ist daran entfacht. Manche Beziehungen sind schon daran gescheitert.

Auch damals, als Paulus diese Worte an die Gemeinde in Rom schrieb, prallten unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensweisen aufeinander. In einer Gemeinde versammelten sich Gläubige verschiedener Herkunft. Das bedeutete, dass unterschiedliche kulturelle Vorstellungen, unterschiedliche Bildung, unterschiedliche Frömmigkeitsstile und vor allem unterschiedliche Erwartungen aneinander zu Konflikten führten.

Die Stärkeren setzten sich durch. Die Schwächeren geben nach.
So, wie wir es auch heute immer wieder erleben.

Doch so soll es nicht sein.

Es geht nicht darum nachzugeben und sich seine eigene individuelle Nische zu suchen.

Es geht nicht darum, durch bessere Argumente zu überzeugen.

Es geht nicht darum, sich damit zu trösten, dass „der Klügere nachgibt“.

Nein, es geht nicht um resigniertes Zurückweichen.

Paulus fordert ein positives aufeinander zugehen.
Nicht: ertragt einander,
sondern: Nehmt einander an!

In aller Unterschiedlichkeit, in aller Unverständlichkeit.

"Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob." Römer 15,7

Das ist die Jahreslosung für das Jahr 2015. Eine echte Herausforderung.

Und sofort fallen uns bestimmte Personen ein und wir sagen uns, der ist so schräg drauf, den kann ich niemals annehmen, die ist so schwierig, mit der kann ich es nie im Leben aushalten. Wir können diese Menschen wirklich nicht annehmen, wenn wir uns nicht vor Augen halten, wie schwierig wir selbst sind - und Christus hat uns trotzdem angenommen.

Wenn wir uns nicht vor Augen halten, wie seltsam wir uns verhalten - und Jesus liebt uns trotzdem.

Nur mit diesem Wissen, dass Christus uns angenommen hat, können wir einander annehmen. Nur mit dem Wissen, dass wir geliebt sind, können wir einander lieben.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass uns diese Jahreslosung begleitet und uns immer wieder herausfordert, die Liebe Jesu weiterzugeben.

Käthe Müller

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