Gedanken im Mai 2015

Zu wenig oder zu viel?

Was sagt der Apostel Paulus da? „Ich bin allem gewachsen durch den, der mich stark macht.“ So übersetzt die BasisBibel den Monatsspruch aus Philipper 4,13. Ich bin allem gewachsen – ein starker Spruch. Will Paulus hier ein bisschen angeben? Der Zusammenhang des Verses zeigt uns, um was es geht. Paulus bedankt sich bei den Christen in der Stadt Philippi für ein Care-Paket, dass sie ihm in seine Gefängniszelle geschickt hatten. Er will sich bedanken, aber sie nicht belasten. So betont er, wie dankbar er für die Gabe ist, aber dass es auch ohne sie gegangen wäre. Er schreibt, dass er in seinem aufreibenden Dienst für die Botschaft des Evangeliums gelernt habe, mit Mangel und Überfluss umzugehen. Er sagt, ich bin beidem gewachsen, zu wenig zu haben oder zu viel.

Natürlich verstehen wir sofort, zu wenig zu haben ist schwer. Paulus spricht hier von Hunger. Wir dürfen annehmen, dass er oft nicht nur zu wenig Essen, sondern auch kein Obdach und zu wenig Kleidung hatte. Das ist Mangel, der wehtut, und den keiner von uns erleben möchte. Aber warum ist für Paulus auch der Überfluss eine Herausforderung?

Dazu sollten wir uns selbst anschauen. Wir leben in einer Gesellschaft, die immer reicher wird und in der Überfluss zum Lebensmodell gehört. Jeder von uns will von allem genug haben und hat deshalb von allem zu viel. Ich bin wirklich dankbar, dass es mir an nichts fehlt, aber ich frage mich, ob ich gut damit umgehen kann. Brauche ich wirklich alles, was ich habe?

Paulus sagt, auch für den Überfluss brauche ich die Kraft Christi. Wahrscheinlich kannte er das Problem, dass Überfluss uns immer noch gieriger macht. Wenn es im Mangel gilt, auf Gottes Versorgung zu vertrauen, gilt im Überfluss, dass uns der Reichtum nicht für unsere Mitmenschen blind machen darf.

Im Vertrauen auf die Kraft Gottes will ich mich darin üben, dass mich nicht die Gier beherrscht, sondern ich in Verantwortung kaufe und besitze. Dass ich teile und abgebe und vielleicht irgendwann sagen kann: ich habe gelernt, mit Überfluss zu leben.

Christoph Müller