Gedanken im November 2015

Alles gut? "Erbarmt Euch derer, die zweifeln." Judas 22

Ich spreche mit einer Pfarrerin und Therapeutin über die Situation in den Freikirchen. Sie drückt ihre Bewunderung aus für das Engagement in den Gemeinden, das Wachstum und die vielen jungen Familien. Dann sagt sie: „Eins verstehe ich nicht: wenn man euch fragt, dann ist immer alles gut. Aber dann ist plötzlich nichts mehr gut. Ein Pastor wird krank oder muss gehen oder eine Gemeinde spaltet sich oder hat kein Geld mehr. Irgendetwas passiert scheinbar aus heiterem Himmel, das mir zeigt: es war auch schon vorher nicht gut. Aber wenn man euch fragt, ist immer alles gut.“

 

Konnte ich ihr widersprechen? Nein, natürlich nicht. Bei uns ist immer alles gut, weil immer alles gut sein muss. Wir haben Streit untereinander, aber das ist kein Problem, denn der Herr gibt uns Liebe füreinander. Ach ja? Wir sehen die Überforderung der Mitarbeiter, aber die stressige Zeit ist bald vorbei. Ach ja? Keiner sagt, wenn er nicht mehr an die Schöpfungsgeschichte glauben kann, denn die ganze Gemeinde „weiß“, die Evolutionstheorie ist totaler Humbug. Ach ja? Ein Hauskreis verlässt die Gemeinde, ohne zu sagen warum, aber alle wissen, denen war die Gemeinde noch nie so wichtig. Ach ja?

Kann jeder in unserer Gemeinde z.B. offen aussprechen, wenn er etwas in der Bibel nicht glauben kann oder mehr trinkt, als gut ist oder sich zu Menschen seines Geschlechts hingezogen fühlt oder die Predigten ihn langweilen oder er denkt, dass in der Gemeindeleitung Leute sind, denen das Zeug zur Leitung fehlt?

Aber es wäre doch gut, das offen sagen zu können! Dann könnten wir mit einander sprechen, vielleicht auch ringen oder streiten, und wenn gar nichts mehr hilft, miteinander weinen. Auf jedenfall könnten wir einander helfen und miteinander lernen. Wer hat denn gesagt, dass immer alles gut sein muss, dass immer jeder fest im Glauben stehen muss, dass immer jede einzelne Sünde überwunden sein muss, dass wir uns immer aufrichtig lieb haben müssen? Seid barmherzig zu denen, deren Glauben ins Wanken geraten ist, so heißt der Monatsvers für den November in einer anderen Übersetzung. Also gibt es unter den Christen Zweifel, auch Missverständnisse, Streit und Sünden. Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um? Barmherzig, sagt unser Vers!

Wo man barmherzig mit mir ist, da kann ich alles sagen, auch dass mal etwas bei mir nicht gut ist.
Da kann ich Hilfe finden, Trost und Rat. Erst wenn Barmherzigkeit herrscht, ist es wirklich gut bei uns.


Christoph Müller